:: Interviews :: Point Black Nr. 6 (Germany / 1999) ::


Was tut man, wenn man plötzlich Post von einer Band bekommt, die einem bisher nur aus diversen Kurzartikeln mit der Warnung "Vorsicht Nazis" und der Aufforderung zum Boykott im Kopf geblieben ist?
Was tut man, wenn die Musik dieser Band einfach mitreißend ist und zu gefallen weiß?
Man könnte gar nichts über sie schreiben und sich damit in Ignoranz üben, man könnte wie die Masse unhinterfragt die Gerüchte mit weiteren bösen Worten schüren oder man könnte der Band ein paar Fragen stellen...

Nicht glauben wollend, dass jemand so dummdreist und offensichtlich rechtsradikales Gedankengut veröffentlicht, wählte ich den letzteren Weg und meine, damit keinen Fehler begangen zu haben, zumal Sätze wie "Use Your Brain And Fight Against Facism Influences" im CD-Booklet wohl schon eine eindeutige Sprache sprechen.
Mir scheinen FEINDFLUG einen eigenen Weg gefunden zu haben, um ein leider trauriges Kapitel deutscher Geschichte zu beleuchten...!
Doch lest selbst... und riskiert mal ein Ohr:


Wer stampfenden, rhytmisch tanzbaren Industrial-Electro-Sound mag und sich dazu noch an Samples erfreuen kann, der bekommt hier die Vollbedienung!

Zur Bandgeschichte weiß mir Felix zunächst folgendes zu erzählen:

Das Elektro-Industrial-Projekt FEINDFLUG, bestehend aus Banane (Samples) und Felix (restliche Geräusche), existiert nunmehr seit 2 Jahren. Banane, damals als DJ unterwegs, hatte irgendwann mal keine Lust mehr, dem Publikum "nur" Musik aus der Konserve zu bieten, und ich hatte das nötige Equipment, seine Vorstellungen von tanzbarer Industrial-Musik zu realisieren.
Nico, unser damals Dritter im Bunde, trennte sich allerdings nach kurzer Zeit, aufgrund musikalischer Differenzen, von uns, unterstützte uns aber weiterhin bei den Liveauftritten.


Warum gibt es FEINDFLUG?

Tja, lang ist's her, für die Meisten schon zu lange.
FEINDFLUG existiert deshalb, damit sich die Leute, die unsere Musik hören und die in unserem Booklet blättern, das Maul zerreißen, denn das beweist, dass sie sich Gedanken machen und ihnen nicht alles gleichgültig ist.
Natürlich gibt es uns auch, weil wir es mögen, Musik zu machen, ganz nebenbei...!


Dass FEINDFLUG nicht gerade unumstritten sind steht wohl außer Frage und Felix ist sich der herrschenden Kritik scheinbar zweifelsohne bewusst!
Auch ich finde den Projektnamen recht ungewöhnlich und frage deshalb, warum es zu diesem Bandnamen kam und spreche dabei auch den Schriftzug an:


FEINDFLUG war von Anfang an nicht als Name einer Band, sondern vielmehr als Überschrift einer Abhandlung gedacht, einer Abhandlung über eine Epoche der deutschen Geschichte (inzwischen ist daraus der Bandname geworden).
Übrigens werden wir häufig auf den "altdeutschen" Schriftzug auf unseren Covers angesprochen.
Nur die wenigsten wissen, dass es sich hierbei ausgerechnet um eine AMERIKANISCHE Frakturschrift (American Text BT) handelt, die in jedem Schreibprogramm vorkommt.


Um es vorsichtig auszudrücken, konfrontiere ich FEINDFLUG damit, dass das gesamte Artwork um FEINDFLUG und Songtitel wie "Lagerhaft", "Im Auftrag Der Ehre" und "Stukas im Visier" definitiv Anlass zum Nachdenken geben:

Du sagst, es gibt Anlass zum Nachdenken, toll, da zeigt doch, dass wir erreicht haben, was wir wollten - die Leute nachdenklich zu machen.
Leider kratzten jedoch viele nur an der Oberfläche, d.h. sie sehen uns aufgrund anrüchiger Fotos im Booklet und diverser Sprach-Samples als verbohrte Nazis.
Nun, wir sind weder verbohrt, noch sind wir Nazis, denn wenn wir das wären, hieße einer unserer Titel wahrscheinlich auch nicht "Stukas im Visier", sondern "Im Visier der Stukas".


FEINDFLUG arbeiten in ihren Stücken ausschließlich mit markanten Samples, die immer wieder interessiert aufhorchen lassen.
Dabei muss ich betonen, dass die meisten gar nicht faschistisch gedeutet werden müssen, mit bösem Willen aber teilweise so ausgelegt werden können und wohl von einigen auch viel zu schnell so interpretiert werden.
Woher die diversen Samples stammen, möchte ich da doch gerne wissen und auch, warum es keinerlei Gesang in und Texte zu den Stücken gibt:


Die Samples sind vorwiegend aus Filmen zusammengestückelt.
Es gibt doch da diese Schulbibliotheken, wo Videodokumentationen für den Geschichtsunterricht gut sortiert im Regal...!
Wieso eigentlich kein Text?
Soviel ich weiß, ist auf der letzten Seite im Booklet des Albums eine recht umfassende Aussage abgedruckt.
Die kann man dann zu Hause wahlweise selbst bei jedem Titel dazusingen.
Nein Quatsch, es wird sicherlich in Zukunft das eine oder andere Stück mit Gesang zu hören sein, aber auf gar keinen Fall alles.
Wir mögen einfach die Instrumentalmusik.
Außerdem sind wir bei der Auswahl der Stimme sehr kritisch, damit FEINDFLUG nicht als ein Plagiat im großen Topf der Veröffentlichungen endet.


FEINDFLUG sehen ihr Schaffen als eine Art Dokumentation eines geschichtlichen Kapitels.
Gerne hätte ich an dieser Stelle noch etwas mehr zu der Bedeutung und dem konkreten Hintergedanken einzelner Stücke erfahren, doch Felix merkte dazu nur an:


...der Zyklus ist eigentlich nur komplett erfassbar/ verarbeitbar...!

FEINDFLUG veröffentlichten 1997 ihr erstes Album in relativ kleiner Stückzahl in Eigenregie.
1998 kam dann eine Single-Auskopplung mit 5 Stücken offiziell auf dem nicht unumstrittenen Label VAWS auf den Markt, was Gegnern wiederum nur weiteren Anlass zur Skepsis bietet.
Warum FEINDFLUG nun gerade über VAWS und nicht über ein anderes Label veröffentlichten:

Um ehrlich zu sein, VAWS war das einzige Label, was ernsthaftes Interesse an FEINDFLUG hatte.
Viele andere Labels fanden zwar das Klangmaterial toll, bestanden aber auf einer Änderung des Namens, der Titelnamen und der Bilder im Booklet, also fast allem, was eine CD ausmacht.
Da wir keine Lust auf eine purpurrote Sonnenblume oder was auch immer, auf dem Cover usw. hatten, haben wir die MCD-Auskopplung bei VAWS herausgebracht.
Das eigentliche Album ist ja vorher schon in limitierter Auflage bei uns selbst erschienen.
Die MCD ist genauso realisiert worden, wie wir es uns vorgestellt hatten.
Das man nun versucht, uns in der Öffentlichkeit als Nazis hinzustellen, finden wir bedauerlich.


Die Musik von FEINDFLUG ist sehr eingängig und höchst tanzbar, die Samples lockern den rhythmischen Krach gelungen auf, was doch eigentlich fast nach einem Erfolgsrezept für eine Band zur heutigen Zeit klingt.
Längst hätten FEINDFLUG die Tanzflächen dieses Landes erobern können, denke ich!
Vermutlich trägt die Umstrittenheit aufgrund des ganzen optischen Beiwerks dazu bei, dass FEINDFLUG bisher scheinbar mehr berüchtigt als berühmt geworden sind.
Ich unterstelle Felix, dass sie sich mit dieser etwas übertriebenen Provokation selbst Steine in den Weg legen!
Oder nutzen FEINDFLUG die Kritik und das damit entstehende Gerede gewollt als Form der Werbung?


Unsere Musik ist weniger als Provokation gedacht, auch kokettieren wir nicht damit, nein, sie stellt vielmehr eine Art "Gehirnrüttler" dar.
Die Leute werden aufgefordert, sich mal eigene Gedanken über ein durchaus ernstes Thema zu machen.
Bisher hat dieses Konzept recht gut funktioniert.
Das wir häufig Kritik dafür ernten, das ist doch ein gutes Zeichen.
Es beweist uns, daß sich Leute damit auseinandersetzen.
Gezielt als Werbung nutzen wir das Ganze nicht, es ist eher so, dass die meisten Leute erst die Musik gehört und später erst das Cover gesehen haben.
Ich finde auch, man sollte das ganze "Drumherum" nicht überbewerten.
Was immer noch primär zählt, ist doch die Musik und meiner Meinung nach mögen uns die Leute auch deswegen, sonst hätten sie sich wohl einen Bildband übers 3. Reich gekauft und nicht eine unserer CD's.


Nun ja, wäre die Musik schlecht gewesen, hätte ich auch keinerlei weiteres Interesse daran gehabt, das Schaffen der Band zu hinterfragen...!
Für die Zukunft haben Banane und Felix folgendes geplant:


Es wird wahrscheinlich in Kürze den einen oder anderen Samplerbeitrag geben, z. Bsp. auf der nächsten "Creation"-Compilation.
Auch wird demnächst bei Black Rain unser Album in einer leicht veränderten Form wieder aufgelegt, da von der Erstauflage nur noch Restexemplare vorhanden sind.
Da müssen dann auch "Nichtchemnitzer" nicht auf den Genuss verzichten, sich die letzte (!!!) Minute der Scheibe in Ruhe reinzuziehen (versteckter Hinweis auf das Abschluss-Sample).


Ein sicherlich weiser Entschluss!
Das erwähnte Sample schließt die CD "10. August 1940" nach dem letzten Stück "Vergeltung", das einzig und allein aus Samples mit grauenhaftem Kriegs- und Leidgeschrei besteht, mit den Worten:
"Verdammt noch mal, das hätte nie passieren dürfen!".
Eine an sich schwer missverständliche Anspielung, finde ich...!
Was FEINDFLUG nun auf CD ausmacht, ist wohl hinreichend erörtert, doch kann man FEINDFLUG auch live erleben und was erwartet einen in diesem Falle?


Ja, es hat schon Auftritte gegeben.
Wir haben mit TERMINAL CHOICE und einmal im Rahmen eines Newcomer-Festivals mit den beiden innovativen Elektro-Industrial Bands DAVA-N-TAGE und WARSAW PACT aus unserer Gegend gespielt.
Ach ja, mit den Jungs von der BAKTERIELLEn INFEKTION hatten wir auch schon das Vergnügen.
Für die Zukunft ist erst einmal das diesjährige Wave-Gotik-Treffen in Leipzig geplant.
Das Konzept für unsere Show steht noch nicht fest, aber wir hoffen wieder auf die tatkräftige Unterstützung von Beam.
Er ist ein langjähriger Bekannter, der Spaß daran hat, sich live die Seele aus dem Leib zu trommeln.
Vielleicht wird es auch im Herbst das eine oder andere Konzert geben.


Die letzten Worte wollte ich dann Felix noch frei überlassen:

Ja, ich möchte den Lesern noch eine uralte Weisheit meines Großvaters mit auf den Weg geben:
"Verurteile nie einen Menschen, von dem Du nicht mehr weißt, als das, was in seinem CD-Layout zu sehen ist!" Gut, es war nicht mein Großvater, aber ich finde, alles in allem, ein weiser Ausspruch...


Anne

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des POINT BLACK –Teams

Kontakt:
POINT BLACK
c/o Marco Schwiers
Henkelstraße 11
34127 Kassel
E-Mail: PunktBlack@aol.com

(Quelle: REBELL2)

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